Themenschwerpunkt 2

Kompetenz „Schreiben“

Koordination:

Tanja Fohr (Universität Kassel): Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 

Dr. Melanie Moll (FaDaF, Deutschkurse bei der Universität München e.V.): Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Prof. Dr. Winfried Thielmann (FaDaF, TU Chemnitz): Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 

 

Schriftlichkeit ist eine komplexe gesellschaftliche Problemlösung, deren Zweck in der materialen Verdauerung sprachlichen Handelns (Ehlich 2007) besteht – man verdauert sprachliches Handeln schriftlich für sich selbst (Einkaufsliste, Termineintrag, Mitschrift, Exzerpt) oder für andere (Formulareintrag, E-Mail, Bewerbungsschreiben, Protokoll, Semi­nar­arbeit).

Schreiben ist ein komplexes Vermögen, das sich grob untergliedern lässt in den Bereich der Verschriftung selbst (Beherrschung der Grapheme, der Phonem-Graphem-Korres­pon­denzen sowie des tiefen orthographischen Systems des Deutschen) und den Bereich der schriftlichen Textproduktion für Schreiber wie Leser (Fähigkeit zu kohärenter Textproduktion und funktional adäquater Nutzung von Textarten). Im Qualifikationsfächer der Basisqualifikationen nach Ehlich (2013) werden diese aufeinander aufbauenden Vermögen als Bestandteile der literalen Qualifikation I (Verschriftung) und der literalen Qualifikation II (Vertextung) gefasst (ebd., 202f.).

Dasjenige, was sich Lerner im Bereich der Verschriftung und Vertextung anzueignen haben, transportiert seine Problemlösungsqualität: Frühe Schreiber des Deutschen sahen sich mit dem Problem konfrontiert, dass das lateinische Alphabet für die Verschriftung von ca. 20 Vokalphonemen nur fünf Vokalgrapheme bereithielt – die von ihnen entwickelten Lösungen (etwa rate  Ratte) haben sich im Wesentlichen bis heute durchgehalten (Maas 1992). Textarten sind Resultate z.T. sehr komplexer Lösungsprozesse, wie Bazerman (1988) für die Genese des Wissenschaftlichen Artikels gezeigt hat, dessen Ursprung das Protokoll experimenteller Demonstrationen vor Mitgliedern der Royal Society of London gewesen ist.

Schreiben als komplexes Vermögen der Hantierung historisch gewachsener Problemlösungen bezüglich Verschriftung und Vertextung ist weder durch das Konzept der Fertigkeit (das den Leser nicht im Blick hat) noch durch das – bereits in etymologischer Hinsicht diffuse – Konzept der Kompetenz hinreichend erfasst. Entsprechend kurzschlüssig ist eine Schreibdidaktik, die a) davon absieht, Problemlösungen der Verschriftung wie etwa das morphologische Prinzip (Verehrer statt fererer; fahrefährst statt fareferst) für die Sprachaneignung und -reflexion fruchtbar zu machen und die b) unter Textproduktion die Reproduktion von Textmustern versteht oder glaubt, der Erwerb wissenschaftliches Schreibens bestünde in der rezeptbasierten Aneignung eines ‚Stils‘, der sich im Wesentlichen aus den Grundnahrungsmitteln des höheren Grammatiktraktierbereichs bedient (Nominalstil, Aktiv-Passiv-Transformation). Auch wird bisher gerne übersehen, dass die Erfordernisse der Vertextung spezifische Funktionalisierungen sprachlicher Mittel mit sich bringen – so sind Deixis und Anapher in ihren komplexen textuellen Nutzungen von der Sprachdidaktik noch kaum entdeckt (Thielmann 2019). Ebenfalls ist noch zu entdecken, dass Schreiben verdauertes sprachliches Handeln an einem Leser ist und der dabei entstehende Text nicht – wie auch die Lesedidaktik dies gegenwärtig unterstellt – ein rein assertiv generiertes ‚Informationsreservoir‘ ist, sondern eine ähnlich komplexe, wenn auch anders geartete illokutive Struktur aufweist wie sprachliches Handeln, das sich im Diskurs, also zwischen Sprecher und Hörer ereignet. Schreiben ist also grundsätzlich im Hinblick auf und im Zusammenhang mit Lesen zu begreifen.

Intention dieses Themenschwerpunkts ist es aus diesen Gründen, Schreiben in seinen vielfältigen Dimensionen und Anforderungen zu entdecken und neue didaktische sowie metho­dische Lösungen für seine Vermittlung zu entwickeln. Mögliche Themen und Gegenstandsbereiche sind:

  • Problemlösungen deutscher Orthographie und ihre Nutzung für Sprachrefle­xion und Spracherwerb, auch im Zusammenhang von Alphabetisierung;
  • Vorschläge für eine Didaktik des ‚Schreibens für Leser‘ (in Schule, Hochschule und Beruf) und ihre methodische Umsetzung;
  • textuelle Verfahren der Realisierung von Illokutionen (z.B. im Rahmen wissenschaftlicher Eristik) und Vorschläge für ihre Vermittlung;
  • Analysen spezifisch textueller Nutzungen sprachlicher Mittel und Vorschläge für ihre Vermittlung im fremd-, erst- und zweitsprachigen Unterricht;
  • Analysen zur Verständlichkeit von Texten und Strategien zur Vermittlung derselben;
  • Schreibaufgaben und Textproduktionen in DaF-Prüfungen und ihre Übereinstimmung mit den tatsächlichen Anforderungen in Hochschule und Beruf.

Literatur:

Bazerman, C. (1988): Shaping Written Knowledge. The Genre and Activity of the Experi­mental Research Article in Science. Madison: The University of Wisconsin Press.

Ehlich, K. (2007): Text und sprachliches Handeln. Die Entstehung von Texten aus dem Bedürfnis nach Überlieferung. In ders. (Hrsg.): Sprache und sprachliches Handeln, Bd. 3, 483-508, Berlin/New York: de Gruyter.

Ehlich, K. (2013): Sprachliche Basisqualifikationen, ihre Aneignung und die Schule. In: Die Deutsche Schule (DDS) 105/2, 199-209.

Maas, U. (1992): Grundzüge der deutschen Orthographie. Tübingen: Niemeyer.

Thielmann, W. (2019): Deixis und Anapher in der Sprachdidaktik. In: Zielsprache Deutsch. 3/2019, 7-26.

 

Das bedeutet: Senden Sie uns bis zum 15.02.2021 Ihren Vorschlag für einen Beitrag im Themenschwerpunkt mit einem Abstract (von ca. 20 Zeilen Länge). Die Einreichung erfolgt ausschließlich über das Online-Formular. Abstracts, die direkt an die Betreuer*innen des Themenschwerpunkts gehen, werden NICHT berücksichtigt! Die Betreuer*innen stehen aber gern für Rückfragen zur Verfügung.