Plenarvortrag am 26.3.2020 von 11:30 bis 13:00 Uhr

Prof. Dr. Ludger Hoffmann (TU Dortmund)

Funktionale Grammatik mit Blick auf Fach- und Wissenschaftssprache

Die gegenwärtige Situation in der Grammatikforschung ist durch eine ‚zwei-Welten-These‘ zu charakterisieren. Zum einen ist da die erste Welt, die Welt der Grammatik, die das System sprachlicher Formen mehr oder weniger autonom beschreibt. Dem steht in strikter Trennung die zweite Welt, die Welt von Funktionen (sprachlicher Mittel im sprachlichen Handeln) und Anwendungen (z. B. Fachsprachen, Wissenschaftssprachen, sozial bestimmte Varietäten etc.) gegenüber. Es ist ein spezifischer Schritt, Beziehungen zwischen den Welten zu etablieren. Dann darf die erste Welt nicht durch Elemente der zweiten tangiert werden. Und es ist sehr schwierig, die Rolle von Sprache in Kommunikativen Welten (Hoffmann 2011) und die Erkenntnisfunktion von Sprache theoretisch zu behandeln.

In der Funktionalen Grammatik erscheint Grammatik als System sprachlichen Handelns. Das System ist auf das Handeln zugeschnitten. Grammatik ist nicht von Funktionen, von Anwendungen, um bestimmte Zwecke zu realisieren, separiert, die gesellschaftlich in einer langen Handlungsgeschichte und in Institutionen entwickelt sind. 

Der Vortrag gibt zunächst einen Überblick zur Funktionalen Grammatik im Vergleich mit anderen Ansätzen, insbesondere werden die Unterschiede zum traditionellen und strukturellen Vorgehen dargestellt (1). Dann wird gezeigt, wie die Prinzipien des funktionalen Ansatzes auf das Deutsche angewendet werden und wie der Aufbau von Äußerungen funktional zu charakterisieren ist (2). Schließlich werden fach- und wissenschaftliche Äußerungsformen und spezifische Verwendungen von sprachlichen Mitteln zu fachlichen und wissenschaftlichen Zwecken grammatisch analysiert (3).
Auf diese Weise wird deutlich, dass die Funktion nicht nur den Vergleichsmaßstab für die Formen unterschiedlicher Sprachen liefert (kontrastive Grammatik), sondern auch den Zugang zu den spezifischen Sprachformen von Fach- und Wissenschaftssprachen öffnet.

Literatur:
Hoffmann, L./Leimbrink, K./Quasthoff, U. (Hg.) (2011) Die Matrix der menschlichen Entwicklung. Berlin/Boston: de Gruyter
Hoffmann, L. (2016³) Deutsche Grammatik. Grundlagen für Lehrerausbildung, Schule, Deutsch als Zweitsprache und Deutsch als Fremdsprache. Berlin: Erich Schmidt
Hoffmann, L./Kameyama, S./Riedel, M. /Şahiner, P./Wulff, N. (Hg.) (2017) Deutsch als Zweitsprache. Ein Handbuch für die Lehrerausbildung. Berlin: Erich Schmidt
Hoffmann, L. (Hg.) (20194) Sprachwissenschaft. Ein Reader. Berlin/Boston: de Gruyter
Moll, M./Thielmann, W. (2017) Wissenschaftliches Deutsch. Konstanz: UVK (UTB 4650)

 

Plenarvortrag am 27.3.2020 von 9:00 bis 10:30 Uhr

Prof. Dr. Tanja Rinker (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt)

Faktoren im mehrsprachigen Erwerb: Eine multimethodische Perspektive

Zwei- und mehrsprachige Kinder teilen eine gemeinsame Erfahrung: Neben dem Deutschen wachsen sie mit mindestens einer weiteren Sprache auf, die nicht die Mehrheitssprache in Deutschland ist. Ihre Erfahrungen unterscheiden sich aber u.a. darin, in welcher Qualität und Quantität sie diese (sogenannten) Herkunftssprachen und auch das Deutsche innerhalb und außerhalb der Familie hören, unter welchen sozioökonomischen Bedingungen sie aufwachsen, welche Zugänge zu Bildung und Bildungseinrichtungen vorhanden sind. Diese Faktoren haben einen Einfluss auf die Entwicklung des Deutschen sowie der Herkunftssprachen, wie zahlreiche Studien der jüngeren Vergangenheit belegen (De Houwer, 2014; Ertanir et al., 2018; Hoff et al., 2012; Unsworth, 2016).

Im Vortrag werden insbesondere die familiären Faktoren bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern mit unterschiedlichen Herkunftssprachen in den Fokus genommen. Es werden Daten präsentiert, die mit unterschiedlichen Methoden erhoben wurden (Spontansprachdaten, neuro- und psycholinguistische Untersuchungen). Die Entwicklungsverläufe in den Sprachen zeigen gemeinsame Muster und individuelle Unterschiede, die auf verschiedene Variablen in der Umgebung der Kinder zurückzuführen sind.

Die Ergebnisse unterstreichen die Relevanz der Erfassung der sprachlichen Situation jedes mehrsprachigen Kindes, um gezielte vorschulische oder schulische Fördermaßnahmen zu gestalten, die das gesamte sprachliche Repertoire eines Kindes einbeziehen.

 

Plenarvortrag am 28.3.2020 von 9:00 bis 10:30 Uhr

Prof. Dr. İnci Dirim (Universität Wien)

Zur Normativität von Reflexion

oder

Welche Normativität wollen wir walten lassen?

Der Vortrag geht von der Prämisse aus, dass Reflexionen bestimmte normative Perspektiven zugrunde liegen.  Wenn beispielsweise die Vorgabe der Vermittlung von „Werten“ reflektiert werden soll, braucht es dafür eine Perspektive. Mit dieser Vorannahme wird im Vortrag der Kontrast „normativ oder reflexiv“ ein Stück weit aufgelöst und es entsteht (im glückenden Fall) die Einladung zur Einnahme bestimmter (normativer?) Reflexionsperspektiven.

Sollte also etwa die staatliche Setzung vor Normen („Werte“ genannt) Wissenschaftler_innen und Kursleiter_innen bedenklich stimmen, muss diesem Unbehagen eine andere normative Perspektive und eine Reflexion auf deren Basis vorausgegangen sein. Welche kann das sein? Diese sollte vielleicht der Klarheit, Genauigkeit und Diskussion wegen benannt werden. An dieser Forderung setzt die Vortragende an, die zunächst aus einer wissenschaftstheoretischen Perspektive über die Unmöglichkeit einer positionslosen oder gar „objektiven“ wissenschaftlichen Arbeit sprechen wird. Danach wird der Fokus auf die gegenwärtige Wertepädagogik in der Erwachsenenbildung gelenkt werden. Ziel ist es, zu diskutieren, dass die vorgegebenen „Werte“ normative Setzungen darstellen, die aus der Perspektive einer migrationspädagogischen Betrachtung als hegemoniale Ausgrenzungen angesehen werden können. Im letzten Abschnitt des Vortrags wird danach gefragt werden, was dem entgegengesetzt werden könnte - theoretisch wie praktisch. Schließlich werden Reflexionsperspektiven für eine andere Normativität als die derzeit im Rahmen der sogenannten Wertevermittlung herrschende vorgeschlagen werden.